Dies ist ein Auszug aus:
"Balger Heimat, Streiflichter aus alter und
neuer Zeit anlässlich der 700-Jahr-Feier 1988".
Verfasser: Manfred Kientz
Herausgeber: Balger Heimat e.V.
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Erstmals im Jahre 1770 erließ Markgraf August Georg für die Baden-Badener Markgrafschaft die "Allgemeine Landschulordnung für die katholischen Schulen der Markgrafschaft Baden-Baden". Dabei wurde Schulpflicht vom zurückgelegten 6. bis zum zurückgelegten 13. Lebensjahr eingeführt. Unterricht fand meist nur im Winter statt, offizielle Ferien gab es nicht. Schulbehörde war die markgräfliche Schulkommission, der Unterricht und die sonstige Aufsicht oblag den katholischen Geistlichen.Es wäre nun falsch, aus dieser gesetzlichen Regelung zu schließen, daß es vorher keine Schule gab. Aller Unterricht war im Anfang Einzelunterricht, die Mutter für die Töchter, der Meister für den Lehrling, der Geistliche für die Ministranten. Erst der Buchdruck schaffte den Übergang von der Familienerziehung zur selbständigen Schule. Baden-Baden hatte mit dem Kollegiat-Stift bereits 1453 eine Schule, wie sah es auf dem Lande aus? Ich habe den frühesten Hinweis für einen Unterricht für Balger Kinder den Akten über das Ooser Pfarrhaus entnommen. 1716 wurde wegen Brand des alten Pfarrhauses in Oos ein neues Pfarrhaus gebaut. Bei dieser Gelegenheit wurden die ältesten Einwohner von Oos und Balg zum Zustand des früheren Pfarrhauses vernommen und der Schultheiß von Balg, 1716 84 Jahre alt, erklärte, daß er in den Pfarrhof in Oos zur Schule gegangen sei. Der Name dieses ersten uns bekannten Balger Schülers war Hans Jakob Früh und der Schulbesuch fand wohl um 1650 statt. Ob es schon einen angestellten Lehrer gab, wissen wir nicht. Aber im Jahre 1683 berichteten 2 Jesuiten an die Diözese Speyer, daß der Schulmeister Stuckel vom Pfarrer und der Gemeinde eingestellt ist und seiner Pflicht genügt. Er hält einen vierteljährlichen Unterricht, darf dafür 2 Wiesen nutzen und bekommt einen viertel Gulden. Zusätzlich war der Lehrer Meßner und Uhrenaufzieher und bekam dafür die sogenannte "Glockengarbe". Ich vermute, daß es bei der Ooser Schule für Balger Kinder bis etwa 1740 geblieben ist. Nachforschungen von Klaus Schmidt haben ergeben, daß 1801 am Platz der heutigen Kirche ein Schulhaus von der Gemeinde gebaut wurde. Dabei wurde erwähnt, daß bis dahin acht Jahre lang der Schultheiß Franz Bohn sein Häuschen für den Unterricht zur Verfügung gestellt hatte und daß vorher 66 Jahre lang Anton Früh und sein Sohn Anton Früh in ihrem Hause in Hinter-Balg Unterricht gegeben hatten. Zieht man diese Zeiten vom Datum des Schulbaus 1801 ab, so kommt man immerhin auf das Jahr 1735 als Schulunterrichtsbeginn in Balg selbst.
Das erste Balger Schulhaus wurde 41 Schuh lang und 30 Schuh breit, kam auf 1.885,- Gulden und genügte der Gemeinde für die nächsten 57 Jahre.
1858 wurde der Bau eines neuen "Schul- und Gemeindehauses" beschlossen und im November 1858 von der großherzoglichen Regierung genehmigt. Das heute noch bestehende Haus Balger Hauptstraße Nummer 57, von den Balgern "Rathaus" genannt, genügte den Ansprüchen bis zum Jahre 1905, als das heutige Schulhaus erstellt wurde. Nach dem 2. Weltkrieg war das "Rathaus" infolge Beschlagnahme des Schulhauses nochmals für einige Zeit Balger Schulhaus.
Kehren wir zum Schulgesetz zurück: Die Schulordnung von 1770 wurde 1771 beim Anfall an die Markgrafschaft Durlach in Kraft gelassen und bildete bis zur Schulgesetzgebung des 19. Jahrhunderts im Großherzogtum die Rechtsgrundlage.
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Die Geschichte der Schule ist eine Geschichte schulunwilliger Eltern und unterbezahlter Lehrer. Hierzu habe ich umfangreiches Material gefunden, das hier aus Platzgründen aber nicht dargestellt werden kann. Nur zwei Beispiele: 1826 berichtet Pfarrer Metz dem Dekanat: "Aus beigelegten Listen ergibt sich die Unfolgsamkeit der Einwohner zu Oos und Balg bezüglich der kirchlichen und weltlichen Erlasse. Es ist in der Tat empörend, bezüglich der Widersetzlichkeit von seiten der Eltern, die ihre Kinder der heilsamen Anstalt ganz entzogen und sträfliche Nachlässigkeit von seiten der Eltern, die ihre Kinder öfters vom Besuch der Industrieschule abgehalten haben. Man ersucht daher das großherzogliche Bezirksamt, die Bestrafung eintreten zu lassen, damit diese Leute verstehen lernen, wenn sie nicht aus Pflichtgefühl der guten Sache beipflichten wollen. In der Industrieschule erscheint kaum ein oder das andere Kind, in Oos wenigstens die Hälfte. Es schmerzt die Kinder, daß die geldgierigen Eltern sie nicht in die Schule gehen lassen. Da diese dummen und boshaften Eltern nicht auf Belehrung reagieren, muß für jeden Fehltag eine Strafe erhoben werden."
Zum Lehrergehalt: Das Bezirksamt stellt fest, daß die Volksschule Balg 1835 in die Klasse II einzusetzen ist, da Balg ein Landort ist und gegenwärtig 560 Seelen zählt. Bei 106 Werktagsschülern ist ein Hauptlehrer erforderlich, der nebst freier Wohnung und von den Eltern aufzubringendem Schulgeld ein Jahresgehalt von 175,- Gulden zu bekommen hat. Von dieser Summe sind aus dem Ertrag der Schulpfründe (1,5 Viertel Acker und Wiesen und 1 Klafter gemischtes Brennholz von der Gemeinde) 22,- Gulden abzuziehen. Mit der Lehrerstelle ist Meßner-, Glöckner- und Organistendienst verbunden, wofür jeder Ortsbürger (Männer) eine gemischte Garbe und einen Laib Brot jährlich zu geben hat, wobei der Laib Brot wiederum mit dem Dorfschützen und dem Feldschützen zu teilen ist. Es bleibt ein Anteil von 50 Laib Brot pro Jahr. 1863 weist der Schulbericht 90 Kinder auf, die jeweils 1,5 Gulden pro Jahr an den Lehrer zu zahlen hatten.
1863 wurde den Kirchen die Schulaufsicht entzogen, 1876 in Baden die "Simultan-Schule" eingeführt, also gemischte Konfession, nachdem es bis dahin nur Konfessionsschulen gegeben hatte.
Wie aus dem Beschwerdebrief von Pfarrer Metz (oben) zu entnehmen ist, gab es ab etwa 1825 zum allgemeinen Schulunterricht die Arbeitsschule (auch Industrieschule genannt). Schließlich kennen wir auch die Sonntagsschule, praktisch ein Religionsunterricht. Die Fortbildungsschule schloß sich an den laut Elementarschulgesetz von 1868 angeordneten achtjährigen Volksschulunterricht an und betrug für Knaben 2 Jahre, für Mädchen 1 Jahr bei einer Mindestdauer von 2 Stunden wöchentlichen Unterrichts. Für die Sonntagsschule war die Kirche zuständig.
Schulbezirk: Bis 1972 gesamtes Wohngebiet Stadtteil Balg, ab 1972 zusätzlich Kinder aus der Schußbachstraße, wenn Eltern Schulbesuch in Balg beantragen, ab 1976 Stadtteil Balg einschließlich Schußbachstraße und "Obere Schußbach" ab Schuljahr 1984/85 zusätzlich Neubaugebiet Gabelmann.
Schulbauten: 1802, 1860, 1905, 1972 Bau der Schulturnhalle.
Schülerzahlen. 1858 100, 1864 92, 1957 129, 1964 137, 1966 98, 1967 (nur noch Grundschule mit meist 2-3 Klassen) 71, 1981 66, 1983 39, 1988 48.
Ich habe mir lange überlegt, ob in diesem Kapitel das Thema Züchtigung erwähnt werden sollte. Auch Unterlassen kann Fälschung sein und so sei, kurz zusammengefaßt, der Hinweis erlaubt, daß in der Balger Schule etwa bis zum Ende des 2. Weltkriegs von Lehrern und Lehrerinnen, auch von Pfarrern in einem das damals normale Maß (Züchtigung war gesetzlich erlaubt) weit übersteigenden Umfang mit Hand und Rohrstock und unter stillschweigender Duldung der Eltern geschlagen wurde und nicht etwa nur die Buben.
Einzelheiten erspare ich mir, sie sind Hauptthema aller bis 1945 in Balg zur Schule gegangenen und noch lebenden Einwohner, wenn das Gespräch auf die "Schule" kommt.
Die Balger Schüler verlassen heute nach dem 4. Schuljahr die "Schule Balg". Ihr Weg führt sie, je nach Wohnlage, in die Hauptschulen in Oos oder in die Weststadt, großenteils aber auch in weiterführende Schulen. Mittlere Reife und Abitur (zum Jubiläumsjahr 1988 steuerten 2 Balger Mädchen jeweils ein Traumergebnis von 1,0 bei) sind Selbstverständlichkeit geworden. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs war der Besuch weiterführender Schulen ein Ausnahmefall: So gab es 1939 mit einer Lehrerstochter und einem Bäckerssohn nur 2 Balger Gymnasiasten. Vielleicht war der im Kirchenkapitel erwähnte Pfarrer Markus Kärcher um 1860 der erste Balger Gymnasiast.
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(Veröffentlicht mit Genehmigung des Verfassers)